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Donnerstag der 5. Osterwoche, 14.5.2020

Zur Einstimmung:

Wir brauchen einander
Den einen, weil wir ihn lieben oder er uns liebt,
den anderen, weil wir ihn nicht lieben oder weil er uns nicht lieben kann,

den einen, weil er uns kritisiert,
den anderen, weil er nachgiebig ist mit uns,

den einen, weil er uns Härte spüren lässt,
den anderen, weil er nachgiebig ist mit uns,

den einen, weil er unser Leben in Frage stellt,
den anderen, weil er uns bestätigt,

den einen, weil wir Verbindung und Nähe erfahren,
den anderen, weil wir Distanz und Abstand lernen müssen,

den einen, weil wir tiefe innere Einheit erfahren,
den anderen, weil wir Andersartigkeit kennenlernen,

den einen, weil er uns zu uns selbst führt,
den anderen, weil er uns zu den Mitmenschen führt,

den einen, weil er uns Stütze ist,
den anderen, weil wir ihm Stütze sein können,

den einen, der uns sagt, was wir tun sollen,
den anderen, der uns schweigt und uns selbst den Weg finden lässt,

den einen, der uns immer wieder auf Gott aufmerksam macht,
den anderen, durch den Gott uns auf etwas aufmerksam macht.

Wir brauchen einander
in den verschiedenen Situationen des Lebens
und so vielfältig unser Leben ist, so vielfältig können auch unsere Beziehungen zu Mitmenschen sein,
so vielfältig können die Beziehungen in unseren Gemeinschaften sein,
so vielfältig kann Kirche sein,
als Ort, wo wir Menschen einander in seinem Namen begegnen.

Friederike Ferstl, in: Lebenszeichen aus der Stille, Wien 1995.

Lesung: Apg 15,7-21
Lesung aus der Apostelgeschichte:
In jenen Tagen als ein heftiger Streit entstand, erhob sich Petrus und sagte zu ihnen:
Brüder, wie ihr wisst,   hat Gott schon längst hier bei euch   die Entscheidung getroffen, dass die Heiden durch meinen Mund das Wort des Evangeliums hören und zum Glauben gelangen sollen.

Und Gott, der die Herzen kennt, hat dies bestätigt, indem er ihnen ebenso wie uns den Heiligen Geist gab.

Er machte keinerlei Unterschied zwischen uns und ihnen; denn er hat ihre Herzen durch den Glauben gereinigt.

Warum stellt ihr also jetzt Gott auf die Probe und legt den Jüngern ein Joch auf den Nacken, das weder unsere Väter noch wir tragen konnten?
Wir glauben im Gegenteil, durch die Gnade Jesu, des Herrn, gerettet zu werden, auf die gleiche Weise wie jene.

Da schwieg die ganze Versammlung. Und sie hörten Barnabas und Paulus zu, wie sie erzählten, welch große Zeichen und Wunder Gott durch sie unter den Heiden getan hatte.
Als sie geendet hatten, nahm Jakobus das Wort und sagte:
Brüder, hört mich an! Simon hat berichtet, dass Gott selbst zuerst darauf geschaut hat, aus den Heiden ein Volk für seinen Namen zu gewinnen.

Damit stimmen die Worte der Propheten überein, die geschrieben haben:
Danach werde ich mich umwenden und die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten;
ich werde sie aus ihren Trümmern wieder aufrichten und werde sie wiederherstellen, damit die übrigen Menschen den Herrn suchen, auch alle Völker, über denen mein Name ausgerufen ist, spricht der Herr, der das ausführt, was ihm seit Ewigkeit bekannt ist.

Darum halte ich es für richtig, den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten aufzubürden; man weise sie nur an, Verunreinigung durch Götzenopferfleisch und Unzucht zu meiden und weder Ersticktes noch Blut zu essen.

Denn Mose hat seit alten Zeiten in jeder Stadt seine Verkünder, da er in den Synagogen an jedem Sabbat verlesen wird.

Gedanken zur Lesung:
Die Coronakrise zeigt auch, wie schwierig es für die verantwortlichen Politiker ist, gute und klare Entscheidungen zu treffen und diese der Bevölkerung mitzuteilen. Kein Wunder, dass sie auch ihre Kritiker haben. Auch die Wissenschaftler wissen nicht alles. Die vorhandenen Daten können unterschiedlich interpretiert werden. Und hinterher sind alle gescheiter und haben schon längst alles gewusst… - Wir tun einmal gut daran, ihnen für ihren Einsatz zu danken; und auch dafür, dass sie bereit sind, "den Kopf hinzuhalten". Ich möchte nicht in ihrer Haut stecken.

Die Lesung aus der Apostelgeschichte erzählt uns heute vom ersten Konzil der Kirche, dem sog. Apostelkonzil. Unter den Christen ist ein heftiger Streit entstanden, ob Menschen, die sich zu Christus bekehren, zugleich auch zum Judentum übertreten müssen mit allem, was dazugehört: Beschneidung, Einhaltung der strengen jüdischen Gesetze und Übernahme der Lebensgewohnheiten, z.B. auch die ihnen fremden Speisevorschriften.

Im Hintergrund steht die Grundsatzfrage: Ist das Christentum eine Abart des Judentums, eine jüdische Sekte, oder ist es etwas Neues, das aus dem Judentum herausgewachsen und darüber hinausgewachsen ist. Für Theologen eine schwierige Frage, über die man endlos diskutieren kann. Natürlich gab es auch damals Hardliner, fromme Enthusiasten, Konservative, Liberale usw. Damals hat man sie halt anders genannt.

Barnabas, selbst abstammungsmäßig Nichtjude, und Paulus, ein zum Christentum bekehrter ehemaliger Hardliner, sind auf einer ersten Missionsreise durch Kleinasien gezogen und haben viele Nichtjuden zu Christen getauft. Was gilt nun für sie? Ein heikles Thema, über das man nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen hat, war das Faktum, dass namhafte andere Apostel wie Philippus und Petrus Nichtjuden getauft haben und mit denen nach "heidnischem" Brauch gegessen und getrunken haben.
Nach heftigen Auseinandersetzung ergreift Jakobus das Wort und schlägt einen Kompromiss vor, den die Versammlung dann annimmt. – Darüber lesen wir morgen dann mehr.

Es ist nicht einfach, in komplexen Fragen eine Entscheidung zu treffen. Die junge Kirche kommt in den darauffolgenden Jahrzehnten noch oft in die Lage, schwierige theologische Fragen entscheiden zu müssen. Immer wieder haben sich dann auch Gruppen abgespalten und sind den weiteren Weg nicht mehr mit der Mehrheit der Kirche mitgegangen. Und oft hat die Politik hineingespielt und mitgeredet.
In der Liturgie der Kirche folgt auf die Lesung vom Streit auf dem Apostelkonzil eine Mahnung aus der Abschiedsrede Jesu: Bleibt in meiner Liebe! An anderer Stelle bittet Jesus innig, dass alle eins seien. Eins sein bedeutet nicht, dass man keine andere Meinung haben darf. Eins sein können wir, wenn wir in der Liebe Jesu bleiben und auch andere Meinungen respektieren. Das ist manchmal sehr schwierig. Ich wünsche mir, dass uns das gelingt: im Hinblick auf die vielen Konflikte in der Kirche, aber auch in unserem staatlichen Gemeinwesen.

Evangelium: Joh 15,9-11
Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes.

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt.
Bleibt in meiner Liebe!

Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben,
so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe
und in seiner Liebe bleibe.

Dies habe ich euch gesagt,
damit meine Freude in euch ist
und damit eure Freude vollkommen wird.

Segen:
Gott, unser Vater,
segne euch mit allem Segen des Himmels,
damit ihr rein und heilig lebt vor seinem Angesicht.
Er lehre euch durch das Wort der Wahrheit;
er bilde euer Herz nach dem Evangelium Christiund gebe euch Anteil an seiner Herrlichkeit.
Er schenke euch jene geschwisterliche Liebe,
an der die Welt die Jünger Christi erkennen soll.
Das gewähre euch der dreieinige Gott,
der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.