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Freitag, 12. Februar 2021

 

L: Gen 3, 1-8             Ev: Mk 7, 31-37

 

Zum Evangelium:

Haben Sie schon einmal Gott darum gebeten, Sie oder andere von einer Krankheit zu heilen? Vielleicht hat es ja sogar geklappt. Aber klappt es denn wirklich immer mit der Heilung? Das heutige Evangelium legt das irgendwie nahe. Es klingt zumindest ganz einfach. Jemand ist krank, bzw. in diesem Fall taub und Jesus kommt vorbei und innerhalb weniger Augenblicke ist der kranke, der behinderte Mensch wieder geheilt. Ohne Operation, ohne langwierige Therapien. Ärzte und Medizin sind nicht notwendig, der taube Mann muss Jesus nicht einmal um Heilung bitten oder seinen Glauben unter Beweis stellen.

Viele Menschen denken sich wohl: das ist zu schön um wahr zu sein. Und was sagen wir als Christinnen und Christen dazu?

In Deutschland gibt es etwa 80 000 gehörlose Menschen und Millionen von Menschen leiden an Krankheiten unterschiedlichster Art, psychisch oder physisch. Muss es nicht frustrierend für diese Menschen sein, dass eine Heilung für Gott doch scheinbar so einfach ist und sie dennoch nicht geheilt werden?  

Auch unter TheologInnen sind die Auslegungen von Heilungserzählungen umstritten. Die einen sagen: Ja, genau so ist es gewesen, Jesus hatte einfach diese Wunderkräfte. Andere sagen, dass diese Heilungserzählungen in einem übertragenen Sinn gelesen werden müssen. Dass sie bildhafte Veranschaulichungen der unsichtbaren Macht Gottes sind.

Fakt ist: Diese Heilungserzählung steht in der Bibel, unserer Heiligen Schrift. Diese Erzählung ist fast 2000 Jahre alt und hat seit Jahrhunderten Menschen Mut gemacht und Hoffnung geschenkt. Schon allein diese Tatsachen rechtfertigen es, einen genauen Blick auf dieses Heilungswunder zu werfen.

Jesus ist auf Wanderschaft. Einige Menschen bringen einen Taubstummen zu ihm. Es ist gut vorstellbar, dass der Taubstumme überhaupt keine Ahnung davon hat, wer dieser Jesus denn sein soll oder warum er zu ihm gebracht wird – denn er konnte ja im wahrsten Sinn des Wortes nichts über Jesu Wirken gehört haben. Jesus nimmt ihn zur Seite und berührt ihn. Mit seinen Fingern und seinem Speichel – für unsere Ohren klingt dies vermutlich etwas abschreckend - in Zeiten von Corona sowieso. Doch im heutigen Evangelium entsteht gerade durch diese Berührungen eine ganz enge Verbindung zwischen Jesus und dem tauben Mann. Und Jesus blickt zum Himmel auf, ein Hinweis auf seine enge Verbindung zu Gott Vater. Denn in Gott Vater gründet die Kraft Jesu. Und dann spricht Jesus die Worte, die im Zentrum der Erzählung stehen: Effata!, was übersetzt heißt: Öffne Dich!

Öffne dich! Ich denke zunächst an den Mund und die Zunge, die sich öffnen bzw. lösen sollen. Aber ist dieses „Öffne Dich!“ wirklich nur auf diese beiden Körperteile zu beziehen?

Ich meine, das „Öffne Dich!“ spricht diesen Menschen in seiner Ganzheit an. Es ist die Aufforderung zu einer Haltung. Einer Lebenshaltung. Sich öffnen – für Herausforderungen, für neue Wege, für notwendige Veränderungen und – für Gott. Eine Aufforderung, das eigene Leben mit seinen Sonnen- und seinen Schattenseiten offen anzunehmen. Und wir alle wissen: Kein Mensch hat ein perfektes Leben. Ausnahmslos jedes Leben hat auch Momente des Mangels, der Unvollkommenheit, des Schmerzes.

In jeder römisch-katholischen Taufe wird an diese Heilungserzählung und dieses „Sich Öffnen“ erinnert. Denn bei jeder Taufe gibt es den sogenannten „Effata-Ritus“. Bei diesem Ritus berührt der Zelebrant Ohren und Mund des Neugetauften und spricht „Effata!“, also „Öffne dich!“. Das soll deutlich machen, dass der Neugetaufte seine Ohren für das Wort Gottes öffnen soll und dass er seinen Mund öffnen soll, um das Wort Gottes zu verkünden. Jeder Getaufte ist also von Anfang seines Christseins an zu dieser für Gott offenen Haltung aufgerufen.

Beim Lesen des heutigen Evangeliums ist mir eine ältere Frau eingefallen, die in meiner Kindheit immer wieder auf mich aufgepasst hat. Sie musste vor einigen Jahren aus ihrem geliebten Haus ausziehen, weil ihre Augen immer schlechter wurden und sie kaum noch sehen konnte. Sie war damals sehr verbittert. Einige Zeit nach dem Umzug telefonierte ich mit ihr und ich konnte es kaum glauben, wie fröhlich sie war. Sie hatte sich auf diese neue Lebenssituation eingelassen. Auf das betreute Wohnen, auf die neuen Mitbewohner. Sie erzählte, dass sie dort Leute kennengelernt habe, mit denen sie gerne Zeit verbringe. Ich finde, das ist so ein Beispiel, wo tatsächlich das „Sich-Öffnen“ heilsame Wirkung haben kann. Ihre Augen sind damals bestimmt nicht besser geworden, aber sie hat sich dafür geöffnet, über dieses Leiden hinauszuschauen und nicht daran zu verzweifeln. Vielleicht hätte damals Jesus auch zu ihr gesagt: „Öffne Dich!“.

Lied Wir haben Gottes Spuren festgestellt

Wir haben Gottes Spuren festgestellt

1. Wir haben Gottes Spuren festgestellt
auf unsern Menschenstraßen,
Liebe und Wärme in der kalten Welt,
Hoffnung, die wir fast vergaßen.

Zeichen und Wunder sahen wir geschehn
in längst vergangnen Tagen,
Gott wird auch unsre Wege gehn,
uns durch das Leben tragen.

2. Blühnende Bäume haben wir gesehn,
wo niemand sie vermutet,
Sklaven, die durch das Wasser gehn,
das die Herren überflutet.

Zeichen und Wunder sahen wir geschehn
in längst vergangnen Tagen,
Gott wird auch unsre Wege gehn,
uns durch das Leben tragen.

3. Bettler und Lahme sahen wir beim Tanz,
hörten wie Stumme sprachen,
durch tote Fensterhöhlen kam ein Glanz,
Strahlen die die Nacht durchbrachen.

Zeichen und Wunder sahen wir geschehn
in längst vergangnen Tagen,
Gott wird auch unsre Wege gehn,
uns durch das Leben tragen.

Text: Diethard Zils 1978, nach dem französischen „Nous avons vu les pas de notre Dieu“
Melodie: Jo Akepsimas 1973